Geld abheben mit

der Pistole

Weil die Menschen im Krisenstaat Libanon nicht mehr auf ihre Konten zugreifen können, erpressen manche als Bankräuber ihr eigenes Geld. Und werden dafür gefeiert.

ZEIT ONLINE |Dezember 2022

I n Sali Hafiz gibt es eine verborgene Kraft. Wenn sie zum Vorschein kommt, fühlt es sich an, als würden ihre Augen brennen, ihr Herz fängt an zu rasen und in ihrem Kopf existiert nur noch ein Gedanke: Ich kann alles tun. Das erste Mal, erzählt Sali, hat sie diese Kraft während der libanesischen Revolutionsbewegung gespürt, als sie mit anderen Demonstrantinnen die Privathäuser von Politikern belagerte. Das zweite Mal überfiel Sali eine Bank.

 

Es ist der Morgen des 14. Septembers, als die 28-jährige Sali, ihre Schwester Ekraam und eine Gruppe von Freunden eine Filiale der Beiruter Blom Bank betreten. Drinnen angekommen verriegeln sie die Tür mit einer Kette, dann springt Sali auf einen Tisch und zieht eine Plastikpistole aus ihrer Hose. „Ich bin nicht gekommen, um zu töten oder das Feuer zu eröffnen“, ruft sie den Bankangestellten zu, „ich bin gekommen, um meine Rechte einzufordern!“ Die Aktion streamt sie live auf Facebook. Weniger als eine Stunde später verschwinden Sali und Ekraam durch eine kaputte Fensterscheibe, die einer der Bankangestellten in Panik mit einem Feuerlöscher zerschlagen hatte. Bei sich haben sie eine Tüte mit 13.725 US-Dollar und eine ungezählte Anzahl libanesischer Pfund. Ihre Beute ist aber nicht etwa das Geld von jemand anderem, es ist das Ersparte der 34-jährigen Ekraam.

 

Bankkundinnen, die mit der Waffe zum Bankschalter gehen, um an ihr Geld zu kommen – im Libanon ist das in den vergangenen Monaten regelmäßig passiert. Kaum eine Woche verging, in der nicht ein Kunde eine Bank stürmte. Denn die Banken haben das Geld ihrer Kundinnen eingefroren. Seit im Oktober 2019 das libanesische Finanzsystem kollabierte, erlebt das Land eine immer schlimmer werdende Wirtschaftskrise. Das libanesische Pfund hat inzwischen mehr als 90 Prozent seines Wertes verloren, die Inflation lag zuletzt bei fast 160 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Der Staat ist pleite. Und weil die Banken das Geld ihrer Anleger nicht mehr haben, erlauben sie ihren Kunden nur noch, jeden Monat kleine Beträge abzuheben. Außerdem wird Geld von Dollarkonten zu einem veralteten Wechselkurs in libanesischen Pfund ausgezahlt; de facto bekommen die Kundinnen also nur einen Bruchteil des Dollarwertes ihres Geldes. Wer eine größere Summe Geld braucht, etwa um eine Reparatur oder eine Krankenhausrechnung zu bezahlen, hat ein Problem.

 

So auch die Familie Hafiz. Die jüngste der fünf Schwestern, die 22-jährige Nancy, hat einen Gehirntumor. Ihre Behandlung muss von der Familie bezahlt werden. Ihr stehe Nancy am nächsten, erzählt Sali. Schon als Kind habe sie sich für die sechs Jahre jüngere Schwester verantwortlich gefühlt. „Als unsere älteren Geschwister schon zur Schule gegangen sind, habe ich auf sie aufgepasst“, sagt die 28-Jährige. „Ich habe mich immer ein bisschen wie ihre Mutter gefühlt.“

 

Unzählige Male sei sie zur Bank gegangen und habe versucht, die Bankangestellten zu überzeugen, ihr das Ersparte auszuzahlen. „Aber sie haben mich jedes Mal abgewimmelt. Der Manager hat getan, als sei ich eine Bettlerin, dabei gehört das Geld doch uns“, sagt Sali. Die 20.000 Dollar hatte die ältere Schwester Ekraam auf das Konto eingezahlt. „Ich wollte die Situation einfach nicht akzeptieren. Meine süße, kleine Schwester darf nicht sterben.“   

Ein Präzedenzfall mit anwaltlicher Unterstützung

Dann kam der 11. August. An diesem Tag lief Bassam al-Sheikh Hussein, ein 42-jähriger Familienvater, mit einer Waffe in eine Beiruter Bankfiliale und verlangte sein Erspartes. Es war das zweite Mal, dass jemand im Libanon diesen Schritt wagte – und das Medieninteresse war riesig. Sali erinnert sich, dass sie an diesem Donnerstag gerade arbeitete, als ihr ein Freund die Nachricht vom Überfall schickte. „Schick mir den Standort, ich bin auf dem Weg“, habe sie geantwortet und sei zur Bank gefahren. Vor dem Gebäude feuerte sie Bassam mit anderen Aktivistinnen an, nicht aufzugeben. In der Menge traf sie auch Rami Ollaik, Bassams Anwalt. Zehn Stunden später hatte Bassam 35.000 Dollar erpresst und Sali einen Deal: Rami Ollaik würde sie juristisch vertreten, falls auch sie eine Bank überfallen würde. Da spürte Sali das Brennen hinter ihren Augen bereits.

 

Den Tag des Überfalls habe sie spontan gewählt, behauptet Sali. Überhaupt sei die ganze Aktion spontan gewesen. Selbst am Morgen des Überfalls will sie ihrer Schwester Ekraam keine Details ihrer Pläne erzählt haben. „Ich habe ihr gesagt, ein paar meiner Freunde begleiten uns in die Bank, so können wir vielleicht mehr Druck auf die Bankangestellten ausüben“, erzählt Sali. Die Spielzeugpistole ihres Neffen habe sie nicht erwähnt. „Ekraam wäre sonst sicher nicht mitgekommen“, sagt Sali. „Von all meinen Schwestern bin ich die einzige, die Eier hat.“

 

Ganz so spontan, wie Sali es darstellt, war die Aktion aber nicht. Der Überfall der Hafiz-Schwestern war, ebenso wie die anderen Überfälle, mehr als die Tat verzweifelter Individuen. Banküberfälle sind im Libanon Teil des politischen Protests, organisiert von Gruppen wie der Depositors' Outcry Association. Diese Vereinigung wütender Anlegerinnen hat sich 2020, kurz nach dem Kollaps der Finanzwirtschaft, gegründet. Ihr Ziel: irgendwie das Geld zurückbekommen, das die Banken jahrelang verzockt haben. Juristisch vertreten werden sie dabei von dem Anwalt Rami Ollaik und seiner Kanzlei Moutahidoun. Auf Versammlungen berichten sie regelmäßig über ihre neuesten Coups und überlegen die nächsten Schritte.

 

Wie die meisten Überfälle wurde auch die Aktion der Hafiz-Schwestern genau geplant. Zweimal trafen sich Mitglieder der Depositors' Outcry Association und Rami Ollaik mit Sali und auch mit Ekraam. Sie planten den Ablauf des Überfalls und verteilten die Aufgaben. Das berichten mehrere Mitglieder der Gruppe. Eine große Gruppe Aktivisten bei den Überfällen dabei zu haben, ist Teil der Strategie. Während eine kleine Gruppe in der Bank die Ausgabe des Geldes fordert, versucht eine große Gruppe draußen vor dem Bankgebäude eine Barrikade vor den libanesischen Sicherheitskräften zu bilden. Nur deshalb, da ist Ollaik überzeugt, stürmen die Sicherheitskräfte während der Überfälle die Banken in der Regel nicht. „Wir haken unsere Arme ein und verhindern, dass die Sicherheitskräfte zwischen uns und das Gebäude kommen“, sagt Ollaik.  

 

Der 50-jährige Ollaik mag den Ausdruck Banküberfall nicht. Menschen wie Sali oder Bassam befreiten ihr Geld, sagt er. Schließlich gehöre das Geld in den Banken der libanesischen Bevölkerung. Die Kriminellen seien die Politiker und die Finanzakteure, die illegal ein sogenanntes Ponzi-System kreierten. Jahrelang lockten libanesische Banken Anleger mit zweistelligen Renditen, doch das Geld versackte in einem korrupten System. Als Anleger durch den Krieg im Nachbarland Syrien und die Revolutionsbewegung 2019 im Libanon ihr Vertrauen verloren und das Geld zurückhaben wollten, platzte die Blase. Während die Konten der Bevölkerung eingefroren wurden, rettete die politische Elite ihr eigenes Geld ins Ausland. Ollaik kämpft als Anwalt bei Moutahidoun bereits seit 2016 gegen die Korruption der libanesischen Elite […]